Jetzt bin ich erwachsen. Vernünftig. Geerdet. Und vielleicht, nur vielleicht, waren meine Berufswünsche damals ein klein wenig filmisch geprägt. Wie sonst könnte ich mir erklären, dass ich Archäologin (Indiana Jones), Paläontologin (Jurassic Park), Vulkanologin (Dante's Peak) oder Anwältin (Eine Frage der Ehre) werden wollte? Wenn man bedenkt, dass ich allein aufgrund meiner schlechten Chemie- und Bionoten unter keinen Umständen in einen naturwissenschaftlichen Bereich gehen sollte, entbehrt diese Aufzählung doch nicht einer gewissen Komik.

Ich wollte auch mal Journalistin werden, fand ich das Schreiben, Recherchieren, Reisen doch so faszinierend.

Wochenlang habe ich diesen grünen Wälzer mit einer Milliarde Studienfächern durchgeblättert. Ich fand ihn unübersichtlich, hab mich in den Zeilen und Möglichkeiten verloren, auf jeder Seite ein bisschen mehr.

Ich war zu zwei Hochschultagen in Leipzig (Journalismus) und Freiburg (Vulkanologie/Geologie). Ja, meine Fantasien waren reeller, als ich es heute eigentlich zugeben mag. Mit Schrecken denke ich an meinen Biogrundkurs zurück.

Ich musste irgendwann einsehen, dass ich Berufe nicht auf ewig romantisieren kann. Nicht jede Journalistin ist Auslandskorrespondentin oder hat eine Kolumne im ZEIT Magazin. Ich sah mich stattdessen mit Ende 30 noch Artikel über die Bürgermeisterwahl der Gemeinde im Radeburger Anzeiger schreiben. Ja, die Rückkehr in die Realität tat weh. Bye-bye, Abenteuer.

Also sah ich mich im sozialen Bereich. Das war mein letzter Stand während des Abis. Soziale Arbeit oder Sozialpädagogik. Vielleicht später im Kinderheim arbeiten?

Trotzdem war ich wahnsinnig unsicher, ob das das Richtige für mich ist. Ganz ehrlich, woher sollte ich das auch wissen? Sorry, aber ein Praktikum in der 9. Klasse im Kindergarten, in dem meine Mutter Erzieherin war, hat mir nun wirklich nicht die Augen geöffnet. Das war zum Zeitpunkt der Prüfungen drei Jahre her. Eine Ewigkeit.

Was ist also, wenn ich das gar nicht mehr machen will, wenn ich mal alt (40+) bin? Ich war noch keine 18. Shoutout an alle SchülerInnen der Oberschulen, die mit 16 entscheiden, wo sie in die Lehre gehen.

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Ein Jahr zu überbrücken, schien mir dann die beste Idee zu sein. Ich war schlichtweg noch nicht bereit, eine Entscheidung zu treffen.

Nach Australien oder Kanada wollte ich nicht, dafür war ich zu unsicher. Aber für ein halbes Jahr als Au-pair nach England zu gehen, die Vorstellung fand ich ganz spannend. Und davor ein halbes Jahr Freiwilligendienst in einer Kita. So konnte ich erst einmal testen, ob mir der soziale Bereich überhaupt liegt. Das war meine Wunschvorstellung. Ich war sogar so weit, mich nur auf ein halbes Jahr beim Bundesfreiwilligendienst (BFD) zu bewerben, bis ich ihnen mitteilte, mich doch für ein ganzes Jahr zu verpflichten. (LOL. Kleiner Scherz für die Älteren, die noch wissen, dass der Bufdi der Nachfolger des Zivis ist.)

Also zog ich von einem 136-Seelen-Dorf in die nächste Großstadt eine halbe Stunde entfernt, wohnte mit meiner besten Freundin zusammen, die ihrerseits ein FSJ in einer Kita machte.

Zu den Hard Facts: 40-h-Woche, 320,00 € mtl. Taschengeld.

Damit lässt es sich wirklich nicht angeben. Ich hab schon viele falsche Entscheidungen getroffen, die hier war aber keine davon. Musste ich auch mal unliebsame Aufgaben machen? Ja, selbstverständlich. Man wird aber als FreiwilligendienstlerIn nicht eingestellt, um nur zu putzen, Kaffee zu kochen oder Dinge wegzuheften. Man wird eingestellt, um zu helfen. Das hieß in meinem Fall, Verantwortung für die Kids zu übernehmen. Ich wurde ernst genommen, mir wurde etwas zugetraut – von den anderen Erzieherinnen und Erziehern, aber auch von den Eltern. An dieser Stelle will ich nicht die Erfahrungen relativieren, die man in einem Jahr auf Reisen sammelt. Aber Leute, mit 18 als erwachsen angesehen zu werden, überstieg komplett meinen Horizont.

Außerdem: Ein Jahr lang 40 h in der Woche für wirklich wenig Geld zu arbeiten, ist eine verdammt gute Schule.

Ich habe aus dem Jahr natürlich noch ein paar andere Dinge mitgenommen:

            1. Ich mag Kinder und will trotzdem nicht mein Leben lang mit ihnen arbeiten.
            2. Arbeit im sozialen Bereich ist völlig unterschätzt und schlecht bezahlt.
            3. Ich hatte drei ganz besondere Kolleginnen, wir sehen uns immer noch einmal im
                Jahr. Im August 2015 war mein letzter Arbeitstag.

Während meines Freiwilligendienstes war ich bei einer Hochschul-/Berufsmesse. Tausend Stände waren aufgebaut, einer langweiliger als der andere. Und was hab ich da an Material mitgenommen! Für die ganzen Hefte, die in meiner Tasche gelandet sind, musste mit Sicherheit im Vorfeld ein Hektar Wald abgeholzt werden. Ich kann's nicht bestreiten: Ja, ich war verzweifelt. Ich wollte unbedingt diesen geradlinigen Weg gehen, ein bisschen Sicherheit und Beständigkeit in einer unsicheren und unbeständigen Welt. Der naive Wunsch einer 18-Jährigen. Wie viel mir der Messebesuch gebracht hat, kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich schlussendlich auf die wahnwitzige Idee kam, Jura studieren zu wollen. Es war wohl eine Mischung aus „im Internet aufgeschnappt“, „daran erinnert, dass ich das schon mal machen wollte“, „damit stehen einem alle Türen offen“ und „etwas Gutes tun“. Oh, und es war natürlich NC-frei.

Vom CHE-Ranking inspiriert schrieb ich mich an der MLU ein und jetzt bin ich hier.

Seit fast fünf Jahren studiere ich Jura. Ob die Wahl richtig war? Wer weiß das schon.


Sie war zumindest nicht falsch. Eine Zeit lang war ich nebenbei Babysitten, ein bisschen was aus dem sozialen Bereich ist also hängen geblieben. Jetzt schreibe ich für das Stadtmarketing, so viel zum Thema Journalismus. Nur Dinos hab ich noch keine ausgegraben, aber man will ja den Tag nicht vor dem Abend loben.

Wie gesagt, ich hab viele falsche Entscheidungen getroffen, wie jeder andere auch. Der Freiwilligendienst war keine. Unpopular opinion: Ich glaube, das würde jedem guttun. Wenn ihr überlegt, euch vor der Ausbildung oder dem Studium noch ein wenig Zeit zu lassen, dann hört euch bei den Freiwilligenagenturen um. Es muss nichts im sozialen Bereich sein, es gibt auch ein FSJ Politik und Kultur, und wer wirklich keine Menschen mag, für den gibt's auch das Freiwillige Ökologische Jahr. Vielleicht ergattert ihr einen Platz im Tierpark?

Nachdem ich nun also zu alt bin, um mit der Jedi-Ausbildung zu beginnen (die Sequels zählen nicht), meine Eule aus Hogwarts nie ankam und es immer noch kein Forschungsprogramm der Sternenflotte gibt, warte ich jetzt tagtäglich darauf, Superheldin zu werden. Bis dahin trenne ich zumindest weiterhin fleißig meinen Müll. Auch die kleinen Heldentaten bleiben nicht ungesehen.