Auf der liebevoll gestalteten Website konnte ich mir einen ersten Überblick über die Buchhandlung verschaffen: kohsie bietet uns über 600 deutsch- und englischsprachige Werke ausnahmslos weiblicher und diverser Autor*innen aller Kontinente an. Klingt erstmal aufregend, oder?! Für diejenigen, die sich jetzt direkt gefragt haben: „Häh, warum nur Frauen und Diverse? Was ist mit Männern?“ – In den FAQ auf der Website findet sich dazu eine absolut plausible Antwort. Mit Männern hat hier keine/-r ein Problem, aber kohsie möchte denjenigen Personen eine Plattform geben, die sich seit langem im Hintergrund befinden und zu deren Werken der Zugang erschwert ist.

Lena Maureen Quincke Lena Maureen Quincke

Nachdem ich mich über die aktuellen Corona-Regeln im Geschäft informiert habe (medizinische Maske reicht), machte ich mich neugierig auf den Weg zum Händelhaus-Karree in der kleinen Marktstraße 7. Wenn man in die Buchhandlung tritt und davor schon mal auf der Website war, ist die Kohärenz kaum zu übersehen. Dieses entspannte, farblich angenehm abgestimmte und geordnete Flair ist für kohsie charakteristisch. Im Geschäft habe ich mir Zeit genommen und konnte ungestört stöbern. Die Bücher sind nach Genre und farblich, was wirklich „satisfying“ ist, geordnet. Am liebsten hätte ich jedes zweite Buch gleich vor Ort auf einem der gemütlichen Sessel gelesen. Ich würde sagen, dass für jede und jeden ein Themenbereich dabei ist: Jugendbücher, Bilderbücher, Vorlesebücher, Science-Fiction, Thriller/Krimi, Fantasy, Erzählungen, Körper und Innenleben, Spiritualität, Ratgeber, Ernährung, Gender, Gesellschaft… Es lohnt sich echt, einfach vorbeizukommen und sich umzuschauen. Für mich kamen viele Bücher als Geschenke für meine Freundinnen und Freunde in Frage. Einige Bücher würde ich auch gerne so manchen Kandidatinnen und Kandidaten der älteren Generationen zukommen lassen, aber das ist ein anderes Thema…

Zu meinem Glück konnte ich auch mit der Gründerin, Sarah Lutzemann, sprechen und ihr ein paar Fragen zu ihrer Buchhandlung stellen…

Der Name kohsie ist ziemlich originell! Woher kommt er und was bedeutet er?

Als ich mich für den Namen meiner Buchhandlung entscheiden musste, überlegte ich mir, was ich mit dem Lesen verbinde, aber auch, wie ich mir meinen Laden vorstelle. Sehr schnell kam mir da das englische Wort cozy in den Sinn. Mit Lesen verbinde ich einfach Gemütlichkeit, auch wenn die Lektüre, die wir bei kohsie anbieten oft auch mal ungemütlich ist. Doch auch meine Ladengestaltung war von Anfang an so geplant, dass sich meine Kund*innen wohlfühlen sollen, nämlich ein schön gestalteter Raum, in dem man sich gerne aufhält. Wohnzimmer-Atmosphäre in der auch auf Details geachtet wird, statt reinem Verkaufsraum. Daher wurde aus cozy das Wort kohsie. Und beim genauen Hinsehen fällt auf, dass in unserer Schreibweise auch das weibliche Pronomen „sie“ versteckt ist.

Woher kommt die Idee bzw. Inspiration für die Buchhandlung?

Ich habe immer schon viel und gerne gelesen. Seit ich lesen konnte, begleiteten mich Bücher. Beruflich habe ich allerdings lange Zeit in der Automobilindustrie gearbeitet und immer stärker gespürt, dass mein Job und ich nicht mehr zusammenpassen. Ende 2019 fiel schließlich der Entschluss, meinen alten Job zu kündigen und mich selbstständig zu machen. Das Jahr 2020 war meine Findungsphase, um herauszufinden, was und wie ich jetzt arbeiten möchte. Parallel dazu bin ich in den sozialen Netzwerken auf eine Challenge gestoßen, die dazu angeregt hat, ein ganzes Jahr nur Bücher zu lesen, die von Frauen geschrieben wurden. Die Idee fand ich spannend, ich wollte das ausprobieren und sehen, was es mit mir macht. Dadurch hat sich mein Lesehorizont unglaublich erweitert. Ich habe aber auch festgestellt, dass viele der Bücher sehr schwer zu beschaffen sind bzw. ich nie darauf gestoßen wäre, wenn ich sie nicht aktiv gesucht hätte. Das wollte ich anderen Leser*innen erleichtern und zeigen, wie vielfältig weibliche Literatur sein kann. Die Idee zu kohsie und dem eigenen Buchladen war geboren. Ich habe sie dann meinem Mann Danny vorgestellt, der ebenfalls begeistert war und mit mir nun das Team von kohsie bildet. Wir haben das Konzept dann lediglich noch in dem Punkt erweitert, dass wir auch noch nicht-binäre Autor*innen aufgenommen haben.

Lena Maureen Quincke Lena Maureen Quincke

Warum gehört kohsie nach Halle?

Eigentlich gehört kohsie in jede Stadt um zu zeigen, wie vielfältig Literatur wirklich ist und dass es viel mehr Geschichten und Sichtweisen gibt, als die immergleichen die wir meistens hören und lesen. Wir leben nun aber mal in Halle, daher lag es nahe, kohsie hier zu eröffnen. Wir glauben aber auch, dass wir hier genau richtig sind. Es mag einige Vorurteile über Halle geben, aber genauso gibt es einige Vereine, Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen die sich schon viel länger als wir mit Diversität und Vielfalt beschäftigen. Es gibt sie auch hier, die Menschen, die etwas zum Besseren verändern wollen, die aktiv gegen Diskriminierung kämpfen und trotz aller Widrigkeiten dessen nicht müde werden. Jetzt gibt es auch uns und wir wollen ebenfalls unseren Teil dazu beitragen.

Darf man nach Corona (oder vielleicht jetzt schon) mit Live-Events vor Ort rechnen?

Bei uns fand tatsächlich schon das erste Live-Event statt. Wir hatten 5 Buchbloggerinnen aus Halle zu einem After-Work-Event eingeladen, um sie mal persönlich kennenzulernen aber auch um ihnen die Chance zu geben, sich gegenseitig zu vernetzen. Das war so ein schöner Abend und es freut mich so, dass dort abseits von uns schon die ersten Kaffee-Dates entstanden sind. Aber auch in Zukunft sind weitere Veranstaltungen geplant, etwa Lesungen oder Diskussionsrunden oder weitere After-Work-Events in unterschiedlicher Form.

Gibt es Menschen, die ihr mit eurer Buchhandlung besonders erreichen wollt? Wenn ja, welche?

Wir möchten besonders gerne die Menschen erreichen, die sich mit den Themen Diversität, Gender oder Diskriminierung beschäftigen möchten, aber vielleicht nicht wissen, wo sie anfangen sollen, da sie etwa selbst nicht direkt betroffen sind. Genauso möchten wir Menschen erreichen, die sich nur selten in Büchern repräsentiert sehen und hier eine breitere Auswahl an Titel finden, in denen sie sich wiederfinden können. Und nicht zuletzt möchten wir Menschen ansprechen, die neue Geschichten lesen und neue Sichtweisen aufs Leben erhalten möchten.

Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Diversity-Buchhandlung in Halle?

Einen richtigen Zeitpunkt gibt es dafür nicht. Es ist nur eben so, dass heute immer noch Frauen, People of Color, queeren Menschen und behinderten Menschen die Sichtbarkeit in der Gesellschaft und im speziellen auch in der Literatur erschwert wird. Sie bekommen zu wenig Regalfläche, zu wenig Erwähnung und zu wenig Bühne ihre Geschichten und Perspektiven zu teilen. Und weil das so ist, sind wir jetzt da um das in Halle zu ändern.

Lena Maureen Quincke Lena Maureen Quincke

Was sollte man wissen, wenn man zu euch in die Buchhandlung kommt?

Wir geben allen Menschen nach einem kurzen „Hallo!“ die Zeit, unsere Auswahl ungestört zu entdecken und sich durch die Bücher zu trüffeln. Darüber hinaus sind wir jederzeit offen für konstruktive und respektvolle Diskussionen insbesondere zu den gesellschaftlichen Themen von Diskriminierung. Wir laden auch dazu ein, Buchempfehlungen, die in unser Sortiment passen könnten, mit uns zu teilen. So haben einige Werke schon zu kohsie gefunden, die wir selbst noch nicht auf dem Radar hatten. Uns selbstverständlich bestellen wir auf Wunsch auch Werke nicht weiblicher bzw. nicht-queerfeministischer Autor*innen. Man sieht, kohsie ist mehr als „nur“ eine Buchhandlung. Diversity Buchhandlungen und ähnliche Geschäfte können meiner Meinung nach einen Wandel in der Gesellschaft bewirken. Das geht aber natürlich nur, wenn die Gesellschaft vom Angebot Nutzen macht. Vorbeischauen lohnt sich!