Volksstücke im Sommer

Wenn die Nächte am heißesten werden, Anfang Juli also, erstrahlt der Graben der Moritzburg Halle immer im idyllischen Glanze: Die Mauern spenden Schatten, im Vorhof der Burg werden kühlende Getränke gereicht. Und vor allem steht dann wieder die kreativ selbstgebaute Bühne des freien Theaters Apron! Auf der wird jährlich ein üppiges Ensemblestück aufgeführt, das stolze zwei Monate, also ungefähr 20-mal, gespielt wird. Der Markenkern dieser mittlerweile kultig zu nennenden Veranstaltung: Tempo, Überdrehtheit, Absurditäten. Geboten wird immer wieder ein herzerwärmendes Volksstück, eine Trash- und Freakshow voller regionaler Anspielungen und gesellschaftspolitischer Themen.

Alexander Terhorst
Ein kultiges Event: Das Sommertheater von Apron im Graben der Moritzburg.
René Langner René Langner
Im Sommer wird es wild im Graben der Moritzburg: Szene aus dem Theaterstück „Sarg zu – Augen auf“

Der Erfolg des Kreativen

Alexander Terhorst, Jahrgang 1970, ist ein kreativer Kopf bei Apron, nicht selten hat er das Sommertheaterstück selbst geschrieben, seit Jahren übernimmt er auch eigenhändig die Regie. Alexander erzählt: „Als wir 1999 im Graben der Moritzburg angefangen haben, hatten wir den kompletten Sommer über etwa 500 Zuschauer. Heute sind wir im Schnitt bei gut 3000.“ Und dabei ist Alexander, Sohn des Schauspielers Gisbert-Peter Terhorst, eigentlich gelernter Straßenbaufacharbeiter.

Thomas Leibe Thomas Leibe
Eindeutig! So sieht Alexander Terhorst als Karikatur aus.
MDR-Aktuell MDR-Aktuell
Arbeitet auch als Nachrichtensprecher bei MDR-Aktuell: Alexander Terhorst.

Stimulierende Klischees

Rückblicke: Alexander, der heute auch Nachrichtensprecher beim Radiosender MDR-Aktuell ist, wurde in Magdeburg geboren, wuchs in Potsdam und Umgebung auf und kam 1990 nach Halle. Schon damals floß, parallel zum Studium der Sprechwissenschaft, Alexanders Herzblut ins Kabarett, ins Theater, in einen Sprecherjob beim Radio. „Durch meine Tätigkeiten war ich früh auf Halle festgelegt. Ich bin bis heute gern geblieben, weil mich auch die Klischees, die es rund um die ehemalige Chemiearbeiterstadt bis heute gibt, künstlerisch stimulieren“, sagt Alexander.

Die Nachwendejahre

Die Nachwendejahre hat er noch genau vor Augen: Da gab es die vielen langen Abende mit den Theaterkollegen. Alexander braucht einen Satz, um sie zu charakterisieren: „Wir haben uns die Köpfe heiß geredet, geprobt, gespielt und getrunken.“ In den 1990er Jahren hatte so etwas wie eine freie Szene noch keine Struktur, die Förderung war weniger breit gefächert. Nicht wenige Hallenserinnen und Hallenser, aber vor allem Amtsträger, empfanden Bühnenkunst außerhalb vom neuen theater, außerhalb der Oper und dem Puppentheater eher als Spinnerei von Hobbykünstlern. „Viele wussten damals gar nicht, was freie Theater sind“, schmunzelt Alexander.

Eva-Maria Schneider Eva-Maria Schneider
Kann einiges über Halle und die letzten Jahrzehnte erzählen: Alexander Terhorst.

Umbrüche und absurde Szenen

Der Freischaffende berichtet weiterhin: „Nach ´89 gab es viele Umbrüche, die von außen gekommen sind und sich bei mir auch im Inneren manifestiert haben. Ich habe im Laufe der Jahre beruflich und privat verschiedenste Wege eingeschlagen. Es hat gedauert, bis ich die Spielregeln der neuen Gesellschaft halbwegs begriffen hatte.“ Dabei stellt Alexander die Verbindung zum künstlerischen Schaffen her: „Das Gespür für Umbrüche ist wichtig, um Biographien auf der Bühne brüchig erscheinen zu lassen. So ist auch meine Vorliebe für absurde Szenen entstanden.“

Nicht nur Slapstick

Heute kann Alexander die Entwicklungen einordnen, die Kunst hilft die Welt zu verstehen und zu verarbeiten. Das merkt man: Es ist nicht nur der Slapstick, sondern auch eine ganz spezifische Art der Auseinandersetzung mit den aktuellen gesellschaftlichen Themen, die das ganzjährige Theaterprogramm des freien Theaters Apron in Halle so beliebt macht. In den meisten Fällen wird das Lebensgefühl vieler Menschen aus Halle zielsicher und punktgenau auf den Punkt gebracht. Umbrüche kennen hier die meisten. Und Apron hat die Kunst, dem Publikum aus dem in Sachsen-Anhalt verwurzelten Herzen zu sprechen, perfektioniert.

Eva-Maria Schneider Eva-Maria Schneider
Fühlt sich als waschechter Hallenser: Alexander Terhorst.

Weder Metropole noch Kleinstadt

Heute versteht sich Alexander, der der Stadt sogar ein Lied gedichtet hat, als waschechter Hallenser. Erklärungen: „Halle ist weder eine Metropole noch eine Kleinstadt. Dieses Mittelding finde ich reizvoll, man hat kurze Wege, man kennt sich. Das ist für mich perfekt. Wer möchte schon in einer Stadt leben, die von Touristen und Snobs überflutet wird?“ Spricht Alexander über die Saale-Stadt, spricht er von einer Mischung aus Beständigkeit und Weiterentwicklung. Seine Wünsche sind klar: „Halle hat die große Chance, sich zu einer grünen, umweltbewussten Vorzeigestadt zu entwickeln, die auch ihre freie Szene vorbildlich unterstützt. Möge diese Chance genutzt werden, denn das freie Atmen, sowohl in der Lunge als auch im Denken, ist mein Lebenselixier.“ Wer mag da widersprechen? Alexander wäre nicht Alexander, würde er nicht mit Schalk im Nacken noch abschließend hinzufügen: „Der wahre Weltbürger hat das wilde Leben im Kopf, nicht im Wohnzimmer."

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