Es ist ein abenteuerliches Gefühl: Sind wir auf dem richtigen Weg oder haben wir uns komplett verfahren? Irgendwo hier, zwischen all dem Grün, erwartet uns ein Event der besonderen Art. Wir wissen von einem spontanen Open Air und das muss man, abseits bekannter Straßen und Wege, zuerst immer ein bisschen suchen.

Es ist vorher niemals vollkommen klar, was uns und andere Partylustige bei der Ankunft erwartet. Über WhatsApp, aber vor allem über die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda haben sich Infos über den Veranstaltungsort verbreitet. Jedes Mal ein anderer. Schon beim Vorglühen kommen oft Zweifel auf, ob man sich nicht umsonst auf den Weg macht, der einen meistens in die entlegeneren Gegenden der Stadt führt. Alte Lagerhäuser tief in Neustadt oder Kröllwitz, aber auch die Natur rund um die Rabeninsel oder die Heide haben schon den perfekten Platz für ausgelassene Feiern geboten. Mit dem Fahrrad ist das eine ziemliche Strecke, aber anders sind die Orte auch kaum zu erreichen. Da lohnt sich ein Partyabend im Hühnermanhattan vielleicht doch mehr, als diese ungewisse Vergnügung. Was, wenn der Veranstalter sich finanziell verschätzt hat? Gibt es überhaupt eine Bar oder retten uns eigene Getränke den Abend? Ein Wegbier ist sowieso immer am Start. Im schlimmsten Fall findet heute Abend gar nichts statt und wir waren nur frische Waldluft schnappen. Schon letztes Mal sind unsere Pläne wortwörtlich ins Wasser gefallen – bei solchen Wolkenbrüchen hält sich niemand lange im Freien.

Freunde Johannes Stein

Aber da hören wir schon die Bässe durch die Dunkelheit pulsieren und wissen, wir nähern uns unserem Ziel. Bald brechen auch schon vereinzelte Lichtstrahlen durch das Dickicht und wir hören leise unter der anschwellenden Lautstärke der Musik das Stimmengewirr einer tanzwütigen Meute. Die Aufregung hat ihren Höhepunkt erreicht, befeuert von Erleichterung darüber, dass wir heute Glück hatten. Bei der Ankunft schließen wir unsere Fahrräder gemeinsam an, ohne zu wissen, wo genau. Mit der Suche danach können wir uns auch später noch beschäftigen. Auch jetzt ist es noch schwierig, im Dunkeln alles zu überblicken. Ein paar Strahler verteilen künstliches Licht auf Höhe eines DJ-Pultes. Hier wiegen sich Leute zu einem Technobeat. Andere sieht man an einer Bar. Weiter hinten lodert ein großes Lagerfeuer, wahrscheinlich der hellste und wärmste Punkt am Veranstaltungsort und auch hier sammeln sich Menschen. Sie sind jung, sehr jung teilweise, man möchte sie fast ins Bett schicken. Andere wiederum könnten unsere Eltern sein. Aber das spielt hier keine Rolle. Die meisten kommen aus denselben Gründen. Hier möchte man entspannt reden, tanzen, als würde einen keiner beobachten, sich überraschen lassen, sich von der Musik und vom Gruppengefühl an einer aufregenden Location tragen lassen. Es fühlt sich „heimelig“ an, denn alle haben sich die Mühe gemacht, hier herauszufahren. Der gemeinsame Weg, die gemeinsame Erfahrung, schweißt zusammen. Der Ort der Veranstaltung an sich ist für uns eine neue Entdeckung, aber auch direkt hier kann man manchmal die eine oder andere Überraschung vorfinden. Aus der tanzenden Menge lösen sich ein paar AkrobatInnen und beginnen, zu jonglieren und andere Kunststücke zu zeigen. Es ist wieder einmal schwer zu sagen, ob das geplant war oder eine spontane Aktion. Zu den Anwesenden gehört natürlich auch das Kollektiv, das all das auf die Beine gestellt hat. Ohne die Veranstalter wäre unser Abend nicht möglich. Sie suchen vorher das beste „Versteck“, sprich eine gut gelegene Location. Sie kümmern sich um Versorgung durch Strom, Getränke oder Snacks. Sie überraschen uns mit verschiedenster Trendmusik aus Techno, Reggae, Dubstep oder Disco. Das passiert alles nicht aus Interesse am höchstmöglichen Umsatz, sondern um Künstlern eine Chance zu geben, ihre Musik zu teilen, und um Menschen zueinander zubringen.
 

Saale David Köster

An der Bar holen wir uns Getränke und sind schon kurz darauf eins mit der Musik. Auf der natürlichen Tanzfläche hat eine nahezu unbegrenzte Anzahl an Leuten Platz. Hier im Freien gibt es auch keinen Einlassstopp, geschweige denn einen klar auszumachenden Eingang. Dabei kann man sich schon mal aus den Augen verlieren. Niemand würde jedoch zurückgelassen werden oder sich allein auf den Weg nach Hause machen. Wir achten aufeinander, weil die gute Stimmung nur dann Spaß macht, wenn sie alle mitreißt. Stunden vergehen, in denen vor allem die Bewegung zählt und in denen zu unserer kleinen Gruppe neue interessante Leute stoßen. So langsam werden die Beine dann aber doch schwer und sie tragen uns zum Feuer, an dem wir uns ausruhen können. Irgendwann hat die Bar keine Getränke mehr und einige verlassen schon die Partyoase. Später hört man auch keine Musik mehr. Das tiefe Schwarz der Nacht verwandelt sich in ein dämmriges Blau, von ersten Sonnenstrahlen durchzogen. Nach und nach können wir auch erkennen, wo wir sind. Man sieht den Kanal und wie jedes Mal ist es ein lustiger Aha-Moment. Neben uns glimmen noch die letzten Holzscheite, während schon der erste Morgennebel vor einem rotorangenen Sonnenaufgang aufsteigt. Heute Nacht wurden wir nicht gestört von unvorhergesehenen Stromausfällen und auch die Ordnungshüter hatten wohl Besseres zu tun, als diese Feier zu sprengen. Es ist im ersten Licht des Tages gar nicht mehr so schwer, die Fahrräder zu finden. Sie sind auch noch alle da. Auf dem Rückweg ist es sogar einfacher, nicht über Wurzeln oder Steine zu fallen. Jedes Stück Weg bringt uns unseren Betten und wohlverdientem Schlaf näher.

Saale David Köster

Wir sind eingetaucht in eine Welt voll von Tanz und Musik, voll Freude und entspannter Losgelöstheit. Sie jetzt zu verlassen, fühlt sich an, als wäre sie nur ein Traum gewesen - ein schöner aber, den man gern wieder träumen möchte.