Wir schlendern den Weg zu Pauluskirche entlang und sind froh um die schattenspende Allee, die vor unseren Augen die Straße säumt. Oben angekommen machen wir es uns am Paulusberg gemütlich. Zwischen Eltern mit Kind, Jugendlichen, RentnerInnen und StudentInnen finden wir unseren Platz am Paulusberg, der hügeligen Grünfläche, die sich um die Pauluskirche zieht.

„Prost“, sagt Leo, während er mir das erste bereits geöffnete Bierchen reicht. „Danke“, antworte ich. Angestoßen. Leer. „Prost“, sagt Leo, während er mir das zweite Bierchen reicht. „Danke“, antworte ich. Angestoßen. Wieder leer. Es ist Samstag, 19:00 Uhr. Wir haben beide keine Termine mehr und angenehm leicht einen sitzen. Harald Juhnke nannte das seine Definition von Glück, wenn ich nicht ganz irre. Wie dem auch sei, nichts kann mich jetzt aus diesem Moment der Entspannung reißen.

Leo: „Unser Vorrat neigt sich dem Ende.“ „Hmpf … fast nichts“, grummle ich. „Da müssen wir wohl bald noch mal los“ „Joa, lass zum 24-h-EDEKA, brauche auch noch Kippen“, antwortet er. „Och nö, nicht jetzt. Zu dieser Uhrzeit an ’nem Samstag bringen mich keine zehn Pferde in die EDEKA-Hölle“, erwidere ich.

Straße Musik Jan Löseke

Lirum, larum, ich lasse mich dann doch breitschlagen. Wir räumen also artig zusammen und als wir außer Hörweite der Boomboxen der anderen SonnenbaderInnen sind, bleibt Leo unvermittelt stehen. „Hörst du das?“, fragt er mich. „Was denn?“, frage ich verständnislos, nachdem ich fast in ihn reingelaufen bin. „Da“, sagt er noch mal und deutet mit seinem Zeigefinger erst an sein Ohr und dann Richtung Reileck, „da ist doch noch andere Musik?!“ „Schon, aber wir brauchen doch Nachschub“, versuche ich zu insistieren, aber Leo hat schon auf dem Absatz kehrt gemacht und marschiert stracks in die Richtung, aus der die Mukke kommt.

Aus der Ferne können wir Menschen auf der Straße erkennen, wo sonst gelegentlich Autos fahren. Aber woher kommt denn nun die Musik, frage ich mich, während wir uns nähern. Endlich angekommen erblicken wir drei Personen des mittleren Semesters – eine Dame und zwei Herren – auf den Stufen eines Hauseingangs. Die Frau singt und spielt Drums. Einer der Männer spielt E–Gitarre, der andere Kontrabass. Sweet, denke ich mir, das sieht man auch nicht bei jedem drittklassigen Schulbandauftritt. Es wird Rock gespielt. Das Lied kenne ich zwar nicht, es gefällt mir aber. Auch hier ist das Auditorium bunt gemischt – viele Altersklassen haben sich zusammengefunden. Wir stellen uns zu einer kleinen Gruppe und versuchen rauszufinden, was hier grade Phase ist. „Keine Ahnung, wir sind auch grade erst dazugekommen.“ Sehr hilfreich, denke ich mir. Ab zur nächsten Gruppe. Diesmal ist die Antwort etwas ergiebiger: „Die hätten heute eigentlich einen Liveauftritt in einem Restaurant in Halle, der wurde aber abgesagt, deshalb spielen sie jetzt spontan hier.“ Coole Aktion, denke ich mir. Schaun mer mal, was die so können.

Straße Musik Straßenmusik Konzert Jan Löseke
Straße Musik Straßenmusik Konzert Jan Löseke

Erstes Lied vorbei. Applaus. Zweites Lied. Diesmal Folk. Kenne ich wieder nicht, schmälert meine Stimmung jedoch keinesfalls. Wieder Applaus. Mittlerweile kommen immer mehr Menschen hinzu, angelockt von der Musik, die durch die Straßen dringt. Ich schätze, 40 Personen sind es, die mittlerweile den Weg zu dem Livekonzert gefunden haben. Einige machen es sich direkt vor der Band in mitgebrachten Campingstühlen bequem und genießen ihren First-Row-View. Ein paar Autofahrer versuchen ihr Glück, durch die Straße zu kommen, müssen jedoch recht zeitig einsehen, dass ihr Vorhaben – zumindest für die Zeit des Konzerts – scheitern wird. Irgendwann richtet die Band wieder das Wort an die Zuhörerschaft und wiederholt, vermute ich zumindest, die Worte, die ich von den anderen LauscherInnen in Erfahrung bringen konnte. „Danke, dass ihr da seid. Wir hätten normalerweise da und da einen Auftritt gehabt, aber weil der abgesagt wurde, spielen wir stattdessen einfach hier für euch. Wenn es jemandem gefällt, steht hier ein Hut für Spenden.“ Ein Student aus einer Studentenverbindung, die wohl in unmittelbarer Nachbarschaft liegt, spendet eine Kiste Naturalien und bedankt sich für die Livedarbietung. Corona schweißt wohl doch zusammen.

Nächstes Lied – ein Bass-riff: „Another one bites the dust“ von Queen. Gewagt, gewagt, denke ich mir. Frederick Quecksilbers Stimme gerecht zu werden, ist sicherlich nichts, was ich mit meinen WG-Putz-Songeinlagen hinkriege. Die Atmosphäre ist ausgelassen und entspannt. Ich schaue mich um: Zwei Pärchen haben angefangen zu tanzen, drei Jungs befüllen ihren mitgebrachten Kugelgrill grade mit Holzkohle. Nice, denke ich mir und stelle mich dazu, in der Hoffnung, ne Wurst abgreifen zu können.

Musik, Konzert Straßenmusik Jan Löseke

Eine Stunde und ein ergaunertes Stück Grillgut später ist das Konzert vorbei. Der EDEKA hat mittlerweile geschlossen. Wir fragen rum, ob noch jemand Lust hat, zur Peißnitz weiterzuziehen, und eines der tanzenden Pärchen schließt sich uns an. Hat sich also gelohnt, Augen und Ohren offenzuhalten. 

Ein altes Sprichwort sagt: Wer Umwege läuft, lernt die Gegend kennen. Und Kippen und Bier kannst du immer auch noch beim Späti deines Vertrauens kaufen.