Oder vielleicht doch eher im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte, als Museen immer beliebter wurden? Alles etwas veraltet, oder?

Und noch viel wichtiger: Warum wurde dieses Gerücht gestreut? Weil die alten Leute die Museen für sich haben wollten? Weil es Spaß macht, jungen Menschen Kultur madig zu machen und ihnen damit einen wichtigen Teil der Bildung vorzuenthalten? Weil wir nur Party im Kopf haben? Weil wir immer alles anfassen wollen, wie kleine Kinder? Weil wir mit dem Entdecken unserer „erwachsenen“ Körper beschäftigt sind? Also bitte!

Mag ja sein, dass es einige schwarze Schafe gibt, die sich nicht für Kultur interessieren, aber die gibt es genauso unter den „fertigen“ Erwachsenen. Natürlich ist es immer eine Frage der Erziehung und/oder der persönlichen Interessen, aber in meinen Augen existiert mittlerweile für jeden Geschmack ein Museum. Selbst wenn es vielleicht kein eigenes Museum für eure Interessen gibt, so hat irgendeines bestimmt eine Sonderausstellung oder einen (kleinen) Teil der festen Ausstellung, der euren Vorlieben entspricht.

Lasst mich das an einem Beispiel erklären:

Das Landesmuseum für Vorgeschichte hier in Halle hat ganze drei Etagen. In der untersten sind normalerweise die Sonderausstellungen. Zuletzt befanden sich dort „Die Ringe der Macht“. Für alle Filmfans – ja, „Ash nazg durbatulûk“ (bitte nicht laut aussprechen, sonst wird euch der Zorn der Valar treffen), besser bekannt unter „ein Ring sie zu knechten“ oder auch „mein Schatz“, hat tatsächlich auch Erwähnung gefunden, inklusive realer Hintergrundgeschichte. Aber diese Ausstellung ist leider schon vorbei. Dumm gelaufen! Es gab noch viele andere beendete Sonderausstellungen, die überaus sehenswert waren, zum Beispiel über Themen wie Alchemie oder Krieg. Aber es bringt ja nichts, der Vergangenheit nachzutrauern. Ab dem 4. Juni 2021 gibt es die nächste Ausstellung.

Ringe der Macht Landesmuseum Vorgeschichte Halle Stadtmarketing Halle (Saale) GmbH
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Man muss aber nicht bis nächstes Jahr warten, um das Landesmuseum für Vorgeschichte zu besuchen. Es lohnt sich nämlich jederzeit. In der obersten Etage ist unter anderem die Himmelsscheibe von Nebra zu sehen. Das ist die älteste bekannte Darstellung des Himmels und damit einfach mal weltberühmt. Einer der bedeutendsten archäologischen Funde des letzten Jahrhunderts und gleichzeitig ein Stück UNESCO-Weltdokumentenerbe ist hier in Halle! Für alle, die auf diesem Gebiet nicht ganz so versiert sind: Das ist schon sehr krass. In meinem Geschichtsunterricht in der Schule ist es wohl untergegangen, dass die Himmelsscheibe nicht in einer großen deutschen Metropole ausgestellt ist, sondern in einer Stadt, die unverständlicherweise nicht einmal Landeshauptstadt ist. Respekt an meine Geschichtslehrerin dafür.

Der Grund für den Ausstellungsort ist aber sehr simpel und logisch – sie wurde hier gefunden! Naja, nicht ganz, aber in der Nähe. 1999 wurde sie zusammen mit einem ganzen Bronzeschatz, der ebenfalls im Landesmuseum ausgestellt ist, illegalerweise auf dem Mittelberg ausgegraben. Dieser „Berg“ (eher ein Hügel mit seinen 252,2 m, aber wir wollen den armen Berg mal nicht beleidigen) befindet sich circa 65 km von Halle, aber noch in Sachsen-Anhalt. Also gehört er hierher – unser Schatz! (Bitte mit der Stimme von Gollum lesen – danke.)

Himmelsscheibe Nebra Halle Stadtmarketing Halle (Saale) GmbH

Ein weiteres persönliches Highlight des Museums ist die Schamanin von Bad Dürrenberg. Die vor ca. 9.000 Jahren bestattete Frau hat ein so eindrucksvolles Grab, dass daraus sehr viele Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Die vielen Grabbeigaben lassen darauf schließen, dass sie eine besondere Stellung hatte. Ja, ihr habt richtig gelesen – eine mächtige Frau. Das Patriarchat mag es kaum glauben, aber mächtige Frauen gab es schon immer. Ich als Feministin freue mich immer wieder, wenn neue Beweise dafür gefunden werden, dass nicht nur Männer hohe Stellungen hatten. Das ist nämlich schlicht und ergreifend falsch. Diese diskriminierende Rollenverteilung kam erst schleichend mit dem Römischen Reich und besonders stark mit der Christianisierung im Mittelalter.

Hier ein Shout-out an die Lehrerin, die mit ihrer Schulklasse da war, als ich mir diesen Teil der Ausstellung angesehen habe:

Sie hat den Knirpsen auf ganz geschickte Weise erklärt, dass dieses Skelett einer Frau mit „sehr wichtiger Aufgabe“ gehörte hatte, während sich die ca. 20 kleinen Nasen an die Scheibe gedrückt haben.

Landesmuseum Juraj Liptak

Die Präsentation dieses Grabes passt auch sehr gut zu dem Fakt, dass das Gebiet um Halle vor sehr langer Zeit eine Hochburg auf den Gebieten Politik und Glauben war.

Ist eine(r) von euch also ein Fan von Spiritualität, könnt ihr hier vielleicht noch ein paar Schwingungen wahrnehmen oder euch einreden, dass das Legen von Tarotkarten hier deutlich effektiver ist als anderswo. Ich schreibe das natürlich nur aus Sicht von Bekannten, die sich mit solchen Themen befassen. (lügt sie, während zwei Meter neben ihr die Tarotkarten liegen und sie selbst das Symbol ihres Sternzeichens aus Henna auf dem Arm trägt)

Wann genau unsere Region ein Zentrum dieser Art war, müsst ihr allerdings selbst herausfinden. Ich habe jetzt wirklich schon genug verraten – und dabei habe ich noch gar nichts über die mittlere Etage des Museums erzählt.

Ich denke, das sollten vorerst genug Gründe sein, das Landesmuseum für Vorgeschichte zu besuchen. Zu guter Letzt ist es doch für jeden eine Freude, dämliche Klischees zu widerlegen, oder?

Und kommt mir jetzt bloß nicht mit dem Argument, Museen seien immer so teuer. Ein Ticket kostet gerade mal 5 Euro und mit Ermäßigung sogar nur 3 Euro. Wer Hunderte Euro für das neue iPhone ausgegeben kann, der hat auch 3 Euro für ein bisschen Bildung.

PS: Für die ganz Faulen (like me): Es gibt sogar eine Tramhaltestelle, direkt vor dem Eingang. Die heißt „Landesmuseum für Vorgeschichte“. Es ist also nicht zu verfehlen.


* Ja, Leute. Cardi B hat ihre Tochter Kulture genannt. Bitte akzeptiert meinen schlechten Humor.