In Halle ist man im Übrigen Fan von Dingen, die sich zu ähneln scheinen. Ein kleines Labyrinth aus gleich klingenden Plätzen, Gebäuden, Kreuzungen oder Straßennamen, damit sich auch die letzten BesucherInnen der Stadt verlaufen und nie wieder herausfinden. Wir entführen auf die charmante Art. In der Altstadt findet sich von dem eben Genannten der Irrgarten aus Straßennamen, denn die Umgrenzung des Stadtviertels bildet der alte Stadtring: Im Norden mit dem Moritzburgring startend verläuft er weiter über den Universitätsring zum Hansering, zum Waisenhausring im Süden, danach zum Hallorenring und zum Robert-Franz-Ring, der wiederum im Norden an den Moritzburgring anschließt. Ein Ring sie zu kn--, na ja, wie auch immer.

Wunderschöne, hohe Fassaden reihen sich dabei an breiten Gassen auf, die Sonne verschwindet hinter den Altbauten und lässt sie lange Schatten werfen. Sonntagmorgen, wenn die Altstadt noch völlig verschlafen ist, beide Marktseiten wie leergefegt sind und die Schwere der vergangenen Nacht noch über den Straßen schwebt, geht die Sonne zwischen den Gebäudereihen über der Leipziger Straße auf. Und während die Geschäfte noch im Schatten liegen, reflektieren die Pflastersteine auf dem Markt das Licht.

Altstadt Halle Stadtviertel David Köster
Altstadt Halle Stadtviertel David Köster

Halle schmückt sich gern mit Kultur und das zu Recht, möchte ich sagen. Besonders in diesem Stadtviertel stolpert man an so ziemlich jeder Straßenecke über ein anderes bedeutendes Gebäude oder Museum. Dabei schlägt dir die Offensichtlichkeit aber nicht ins Gesicht, in Halle wird nicht geschrien. In Halle sind die Gebäude einfach da. Als wäre ihre Schönheit eine reine Nebensächlichkeit. Als würde ihre Bedeutung für die Identität der Stadt keine Rolle spielen. Sie fügen sich ins Stadtbild ein und sehen so selbstverständlich aus, dass sich niemand darüber zu wundern scheint, dass eine Burg mitten in der Stadt steht.

Die Moritzburg hatte ihre Hochzeit Anfang des 16. Jhd. An sie schmiegt sich eng der Mühlgraben als Seitenarm der Saale an und zeichnet ein ebenso malerisches Bild wie einst die Burg selbst. Im Dreißigjährigen Krieg wurde sie leider derart zerstört, dass ihre Ruine für die nächsten 250 Jahre nur noch eine Erinnerung dessen war, was sie einmal zu sein pflegt - ein Zeugnis ihrer Zeit. Viele Pläne galten der Moritzburg, doch nur die wenigstens wurden tatsächlich umgesetzt. Erst mit dem Ende des 19. Jhd. zog wieder Leben in die alten Gemäuer ein, sodass bis 1917 das Kunstmuseum von Halle darin untergebracht wurde. Bis heute hat es nicht an Bedeutung verloren.

Altstadt Halle Stadtviertel Moritzburg David Köster
Altstadt Halle Stadtviertel Marktplatz David Köster

Nun folgen auch hier einige Dinge, die euch dringend jemand ans Herz legen sollte.

Kleine Ulrichstraße

„Herz“ ist dabei schon das richtige Stichwort, denn auch wenn der Marktplatz das Herz von Halle ist, ist das Herz der Altstadt doch viel eher die Kleine Uli. Diese bezaubernde kleine Parallelstraße ist das Mekka der jungen Leute, ein Zufluchtsort für alle zuckersüchtigen und sich nach Koffein verzehrenden Menschen, ein Sammelsurium an Cafés, Restaurants und Bars. Die heißen Schokoladen im Roten Horizont sind wie flüssiges Glück und für die vielen verschiedenen Teesorten sollte man sich eine eigene Liste anlegen mit jenen, die man bereits getestet hat. In der Osteria Da Salvatore ist die Pasta ausgezeichnet, die Pizza „Grande Amore“ in der Trattoria Da Luca ebenso. Und im Viet Village möchte man das Essen, die traumhafte Location und die Atmosphäre einatmen und in sich aufnehmen.

Im Frühling und Sommer kann man in den meisten Lokalen draußen sitzen und die Sonne genießen. Nebenbei hört man Stimmen, Lachen, klirrendes Geschirr, das Ausklopfen des Espressopulvers aus den Siebträgern und Fahrradklingeln aus den anderen Cafés, Restaurants und der Straße herüberwehen. Man kann Menschen auf ihren Fahrrädern beobachten, wie sie parkenden Autos und über die gesamte Breite der gepflasterten Straße wandelnden FußgängerInnen ausweichen müssen. Es ist fantastisch.

Große Ulrichstraße

Wie auch ihre kleine Schwester beherbergt die Große Uli viele kleine und große Lokale, eins schöner, gemütlicher oder interessanter als das andere. In der Roten Soße (#makepizzanotwar) gibt es ausgefallene und unfassbar gute Pizza. Im Anh Asia, einem eher unscheinbaren kleinen Vietnamesen an der Ecke, gibt es so gutes Curry, dass man fast die Englein singen hört. Das nt-Café hat quietschende Wendeltreppen, abgedunkelte, gemütliche Sitzecken mit roten Polstern, ca. 837 kitschige Kaffeekannen, die den Innenraum zieren, und Kuchen und Torten, für die sich jeder Gang zur Kuchenvitrine lohnt. Und im House Of India rühren das Naan, Curry, Panir und vor allem die verschiedenen Schärfegrade einen wirklich fast zu Tränen. Essen zu gehen ist hier eine wahre Freude.

Sehenswürdigkeiten

Nicht nur die bereits erwähnte Moritzburg ist es wert, besucht zu werden. Auch die Zoologischen Sammlungen befinden sich in der Nähe und davon wiederum nur eine Straße entfernt steht das Händel-Haus, ein Museum zu Georg Friedrich Händel, das die jährlichen Händel-Festspiele ausrichtet. Auf dem Marktplatz findet sich auch die berühmte Händel-Statue wieder, die, ebenso wie der Rote Turm, gern als Treffpunkt genutzt wird, wenn man verabredet ist und nicht zehn Minuten lang beide Marktseiten nach seinen Compañeros absuchen möchte, die im Gedränge der Menschen manchmal fast unterzugehen drohen. Ein Treffpunkt ist dafür wirklich hilfreich. Oh I get by with a little help from my friends.

[mic drop]

BÄMM! Bombenüberleitung! Na ja, okaye Überleitung. Beim nächsten Drüberlesen muss ich wahrscheinlich zugeben, dass sie auch nur so semiokay ist. So reflektiert muss man da auch einfach sein. Aber sie ist weniger düster als die vorherige, da hatte ich nämlich an Eleanor Rigby („All the lonely people, where do they all come from?“) gedacht. Zurück zum Grund der Überleitung: Halle hat ein Beatles-Museum! Nope, das ist kein Scherz. Die albernen Fragen, warum ausgerechnet Halle ein Beatles-Museum hat, schenken wir uns an dieser Stelle und möchten stattdessen unsere tiefe Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass wir uns mit der weltweit größten und umfassendsten Sammlung schmücken dürfen.

Zerstreuung

Natürlich gelten meine Empfehlungen in erster Linie jungen Leuten und meine ausgiebigen Studien dieser Zielgruppe haben ergeben, dass sie vermehrt „feierwütig“ ist. Verrückt. Ich berufe mich hier selbstverständlich nicht auf die Korrektheit dieser Ergebnisse, möchte jedoch zum Zwecke der folgenden Darstellungen diese Annahme als gegeben ansehen. In Halle gibt es nicht nur Kultur, nein, in Halle kann man auch feiern! Yay! Ich hoffe, ihr fühlt euch alle von diesem freshen Statement abgeholt. Ich habe alles gegeben.

Der Turm ist zum Beispiel eine spannende Location, weil er direkt in der Moritzburg liegt. Optisch haut einen das natürlich völlig zu Recht vom (Bar-)Hocker. Kleines Manko: Durch die dicken Mauern kommt kein einziges Handysignal. Für Sie getestet.

Die Tanzbar Palette hingegen liegt direkt in der Nikolaistraße in der Nähe des Marktplatzes. Die Ästhetik ist hier vielmehr vom Jugendstil geprägt. Was das über den Handyempfang aussagt, darüber wage ich nicht zu spekulieren!

Ob ihr, statt tanzen zu gehen, lieber nur mit Freunden zusammensitzt und etwas trinken möchtet, wie es meine ehrliche Präferenz ist (bzw. etwas essen zu gehen, to be honest), liegt dann ganz bei euch. Ob in sämtlichen Lokalen in der Kleinen Uli, montags beim Cocktailswürfeln und Nachosteilen im Enchilada am Moritzburgring oder dienstags zur Karaokeparty im Flower 2.0: Zerstreuung findet ihr hier fast so häufig wie Apotheken.

Beobachtungen

Auf dem Marktplatz lässt sich hervorragend das Wahrzeichen der Stadt betrachten, nämlich die „Fünf Türme“. Sie bilden sich aus den Türmen der Marktkirche und der Spitze des Roten Turms.

Der Rote Turm spielt gelegentlich die Musik von „Harry Potter“.

An keinem Punkt der Altstadt ist es tagsüber wirklich ruhig, am wenigsten vermutlich in der Kleinen Uli. Trotzdem schaffen es einige Leute, im Roten Horizont Zeitung zu lesen. Als würde ihr Intellekt ihnen die Fähigkeit verschaffen, ihre Umgebung einfach auszublenden.

 

Ich bleibe dabei: Die Kontraste feiern in Halle tausend Feste.