Zugegeben, ein Zugang zur Saale ist in Halle keine Seltenheit und demnach kein Alleinstellungsmerkmal der Südlichen Innenstadt, aber das sind schöne (gründerzeitliche!) Häuserfassaden, kleine Gassen und hohe Bäume am Straßenrand ja auch nicht und trotzdem erwähnt man sie immer gern. Und auch zu Recht. Abseits der großen Straßen findet man überall kleine grüne Inseln oder begrünte Innenhöfe, die man von der Straße aus manchmal weder erwarten noch erahnen würde.

Suedliche Innenstadt Wohnen Halle Saale Stadtviertel David Köster
Suedliche Innenstadt Wohnen Halle Saale Stadtviertel David Köster

Der Steinweg beispielsweise ist eine Straße, wie es sie in wahrscheinlich jeder deutschen Stadt einmal gibt. Hier passt eigentlich nichts zusammen und trotzdem ist alles seltsam stimmig. Auf zwei Seiten reihen sich Bäckereien an Apotheken, E-Zigaretten-Shops und Obstmärkte, hier liegt ein Bilderrahmengeschäft zwischen einem Dönerimbiss und einer Frauenarztpraxis und ein Friseursalon neben einer Shishabar. Ein Schuhladen befindet sich neben einer Kinderarztpraxis und gegenüber von Süßwarengeschäften, einem Späti und einem Geschäft, in dem man Bambusschalen kaufen kann. Alles wirkt zusammengewürfelt, aber unerklärlicherweise fügt sich jedes Geschäft ins Bild. Biegt man jetzt zum Beispiel vom Steinweg in die Jacobstraße ab, findet man sich in einer Straße mit akkurat gepflanzten Bäumchen am Straßenrand, mit hohen Gebäuden und einem Gehweg aus großen Pflastersteinen wieder. Der Gehweg ist hier nicht anders als im Steinweg, aber vielleicht ist die Aufmerksamkeit für solche Dinge größer, wenn man weniger lauten Eindrücken ausgesetzt ist.

Als kleiner Callback zur Altstadt: Das Verwirrspiel besteht hier nicht aus Straßennamen, sondern aus Plätzen. Die Südliche Innenstadt hat sie alle – den Franckeplatz, den Riebeckplatz, den Rannischen Platz und den Glauchaer Platz. Während der Glauchaer Platz fast noch übersichtlich ist, bieten der Riebeckplatz und der Rannische Platz eine Bandbreite an Eindrücken und Wahrnehmungen, quasi alles von A wie „Auf welcher Seite fährt eigentlich meine Bahn?“ bis Z wie „Zum Glück hab ich eine Bahn eher genommen, dann ist es nicht so schlimm, dass ich 20 Minuten im Verkehr feststecke, weil die Leute nicht wissen, wie man sich in einem Kreisverkehr verhält“. Der Riebeckplatz ist zum Beispiel einer der größten innerstädtischen Kreisverkehre Deutschlands und so beeindruckend das auch klingen mag, glaubt mir einfach, wenn ich euch sage: Das muss man nicht erlebt haben.* Der Franckeplatz rühmt sich zwar ebenfalls nicht der Übersichtlichkeit, aber die Hochstraße, die über ihm verläuft, ist schon ein ungewöhnlicher Anblick - als würde man dem Stadtverkehr eine weitere Dimension hinzufügen.

Suedliche Innenstadt Wohnen Halle Saale Stadtviertel David Köster
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Vom Rannischen Platz gehen sternförmig sieben Straßen ab. Es sind tatsächlich die Verkehrsknotenpunkte schlechthin. Doch anders als beim August-Bebel-Platz (Callback Nördliche Innenstadt) fahren die Leute hier nicht träumerisch mit Inlineskates und Juterucksack auf den Schultern im Kreis herum. Nein, hier ist man froh, wenn man in der Bahn sitzt. Die Bahn weiß, wo sie langfahren muss und welche Spur die ihre ist. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Überdies ist das Spektakel des Vordrängelns, des Nichthereinlassens, des Lückesuchens und Lautstarkfluchens ausgesprochen amüsant – sofern man es nicht eilig hat.

Sämtliche zukünftige Studierende der Erziehungswissenschaften und alle Geschichts- und Bildungsinteressierten sollten ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf diesen Teil der Stadt richten, weil sich hier die Franckeschen Stiftungen befinden. August Hermann Francke (allein der Name zählt als Wahrzeichen) kam 1692 nach Halle und ging als Pastor an die St. Georgen-Kirche in Glaucha. Glaucha, die kleine Vorstadt Halles, hatte in der Zeit einige Päckchen zu tragen. Na ja, um ehrlich zu sein: Sie versuchte, einen Schwerlasttransport voller „Päckchen“ zu schultern, und drohte, darunter begraben zu werden. Durch die vielen Schankwirtschaften kam es zu großen sozialen Missständen und Reibereien. Gerade als die wackligen Knie Gefahr liefen einzuknicken, eröffnete Francke schließlich die erste Armenschule und ein Waisenhaus. Dass er damit den Grundstein für eine regelrechte „Schulstadt“ legte, ist heute kaum noch vorstellbar.

Suedliche Innenstadt Wohnen Halle Saale Stadtviertel David Köster
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Im Folgenden wieder ein paar lieb gemeinte Empfehlungen, mal mehr und mal weniger ernst gemeint. Was was ist, verrate ich natürlich nicht.

Essen

  • Nudelmanufaktur Tranquebar – selbst gemachte Pasta zum Vor-Ort-Essen, Mitnehmen, Abgepacktkaufen und Selbstkochen, Eis, Getränke, Salate und das alles frisch und möglichst aus der Region.
  • Rhodos Halle – ich weiß, da scheiden sich die Geister, aber sind beim Griechen nicht die Vorspeisen immer das Beste??** Hier gibt’s davon zumindest eine Menge.

Keine spezielle Empfehlung, aber testet euch doch einfach mal durch diverse Imbiss- und Snackmöglichkeiten am Steinweg. Und so könnt ihr auch verschiedene Döner ausprobieren – schließlich soll euer Lieblingsdönerladen nicht denken, ihr wärt leicht zu haben. Er muss sich genauso um eure Gunst bemühen wie jeder andere auch!

Kirchen

Ob ihr aus religiösen, kulturellen, historischen, ästhetischen, architektonischen oder anderweitigen Gründen ein Interesse an den Gotteshäusern habt: Die St. Georgen-Kirche, die Katholische Propsteikirche St. Franziskus und St. Elisabeth und die St. Johannes-Kirche sind sicher einen Besuch wert – sei es zur  Bewunderung der alten Klinkerfassaden oder der Grundrisse in Form von griechischen oder lateinischen Kreuzen. Ich für meinen Teil kannte bis eben nicht einmal den Unterschied, aber ihr seid sicher klüger als ich.

Zerstreuung

  • Spielehaus e. V. – das Spielehaus gehört auch zu den Frankeschen Stiftungen. Falls ihr also Bock auf einen Spieleabend oder -nachmittag mit Freunden habt, dann schaut hier vorbei und versucht euch an einem der über 300 Karten- und Brettspiele. Einen Kaffee könnt ihr nebenbei übrigens auch schlürfen.
  • Schorre – die Namen von Halles Partylocations sind wirklich beispiellos. Feiern lohnt sich hier aber: Es werden immer wieder verschiedene, ich nenne es mal altdeutsch, „Mottopartys“ veranstaltet, ob eine Indoor-Beach-Party, eine 90er- und 2000er-Party, die GAYschorre, die es schon seit über 30 Jahren gibt (#pride), oder die Professorennacht, in der tatsächlich eure Dozentinnen oder Dozenten aus der Uni auflegen und gegeneinander antreten können.
  • Rannischer Platz – Habt ihr auch manchmal das Gefühl, die Welt dreht sich viel zu schnell und ihr kommt gar nicht mehr hinterher? Ihr taumelt so durch den Tag, den Kopf voller unsortierter Gedanken, unerledigter Aufgaben und unerreichter Ziele? Ihr findet keine Ruhe mehr? Dann setzt euch ins Auto, fahrt zum Rannischen Platz, bleibt im stockenden Kreisverkehr stecken, atmet ein … und aus … und entschleunigt ganz einfach. Yoga im Berufsverkehr.

Besonderheiten

Direkt am Saaleufer ist ein Studentenwohnheim, in diesem Falle ein Studentenwohnhaus mit verschiedenen WGs.

Der Quellstein, der auf dem Hof des Altenpflegeheims „Haus der Generationen“ steht, soll die Begegnung der verschiedenen Generationen darstellen.

Die Anordnung der Straßen ist mitunter im Vergleich zu anderen Teilen der Stadt ausgesprochen symmetrisch. Ich dachte, das solltet ihr wissen.

 

Also, in der Südlichen Innenstadt passiert viel. Vielleicht ist es hier nicht so malerisch wie im Paulusviertel oder so träumerisch aufgeladen wie in der Nördlichen Innenstadt oder so lebendig wie in der Altstadt, aber das Leben findet hier trotzdem statt, also seht’s euch an, seid nicht voreingenommen und geht hier zumindest mal essen oder spazieren.

 

* Ich habe in Halle meine Fahrschule gemacht. Nur 23 verpasste Anrufe der eigenen Mutter lösen noch größere Angstzustände aus.

** Zumindest, wenn man kein Fleisch isst. LOL.